
Gut Ding will Weile haben: Einige Jahre Anlauf steckten in diesem Termin – erst kam Corona dazwischen, dann verschiedene Jobwechsel. Aber das Warten hat sich gelohnt. Bei strahlendem Sonnenschein besuchten Mitglieder der BdKom-Landesgruppe Hessen/Rheinland-Pfalz/Saarland sowie der Fachgruppe Politik und Öffentliche Verwaltung am 22. Mai „Europas Tor zum Weltraum“ – das Europäische Satellitenkontrollzentrum (European Space Operations Centre/ ESOC) der ESA (European Space Agency) in Darmstadt.
Während es im ersten Teil darum ging, was die ESA grundsätzlich ausmacht und welche Missionen von Darmstadt aus gesteuert werden, stand der zweite Teil nach der Führung im Zeichen der Kommunikation mit Schwerpunkt Pressearbeit: Wie bereitet die ESA-Kommunikation die komplexen Themen für Medien und Öffentlichkeit eigentlich verständlich auf, regional und europaweit?
Vor Ort: ein Blick hinter die Kulissen der europäischen Raumfahrt
Los ging es im Pressezentrum des ESOC: Bernhard von Weyhe, ESA Senior Media Relations Officer, gab eine kompakte Einführung in die ESA – ihre Aufgaben, Ziele und die Rolle des Standorts Darmstadt. Hier schlägt das operative Herz vieler europäischer Raumfahrtmissionen. Andreas Rudolph, Leiter der Abteilung für Missionen der Astronomie und Fundamental-Physik, stellte im Anschluss ausgewählte Highlights des Satellitenbetriebs vor. Schnell wurde klar: Darmstadt ist ein zentraler Knotenpunkt für unbemannte Raumfahrtmissionen – von Erd- und Umweltbeobachtung bis hin zu Missionen weit über den Erdorbit hinaus, zum Mars, Saturn, Jupiter, zu Kometen… Im Anschluss ging es in zwei Gruppen über das Gelände – geführt von Tom Ormston, Spacecraft Operations Manager mit ausgeprägter Kommunikationsaffinität, sowie erneut von Bernhard von Weyhe. Stationen waren unter anderem ein Engineering-Modell der laufenden Juice-Mission zum Jupiter, das für Tests und Simulationen am Boden genutzt wird. Denn die Missionen laufen meist über viele Jahre – und immer wieder müssen Lösungen für Herausforderungen von Deep Space Operations gefunden werden: Extreme Kälte oder Hitze, kosmische Strahlung, präzise Navigation für riskante Flugmanöver und sichere Kommunikation mit Sonden in den Tiefen des Alls.
Außerdem ging es vorbei am Bereich für Flugdynamikberechnungen sowie schließlich in den berühmten ESA Main Control Room, das Herz des Zentrums, bekannt aus „Funk und Fernsehen“. Letzterer wirkte auf den ersten Blick überraschend leer. Denn tatsächlich wird der tägliche Betrieb eher von kleineren, sogenannten Routinekontrollräumen aus gesteuert. Der große Kontrollraum ist für besondere Momente reserviert – z. B. für Trainings-Kampagnen vor einem Satellitenstart, beim Start selbst sowie in plötzlichen Krisensituationen.
Und was in Darmstadt passiert, ist im wahrsten Sinne „State of the Art“ Flugdynamik und Missionsanalyse zählen zu den Aushängeschildern der ESA. Hier werden Flugbahnen präzise berechnet – auch für komplexe Missionen zu fernen Zielen wie Mars, Jupiter oder Merkur, bei denen sogenannte „Swing-by“Manöver nötig sind, um ausreichend Geschwindigkeit zu erreichen. Ein weiteres Highlight ist das ESTRACK-Netzwerk, ein global verteiltes System von Bodenstationen, darunter vier besonders leistungsstarke 35-Meter-Antennen. Neben der NASA betreibt nur die ESA ein vergleichbares Netzwerk dieser Größenordnung. Auch das Thema Sicherheit spielt eine zentrale Rolle: Im Rahmen des Space Safety
Programms überwacht die ESA unter anderem Weltraumwetter, Weltraumschrott und potenzielle Asteroidengefahren. Apropos: Der zunehmende Weltraumschrott ist ein ernstzunehmendes Problem – an Lösungen für „Aufräumarbeiten“ im All wird bereits gearbeitet.
Kommunikation im Orbit: Pressearbeit bei der ESA
Und wie wird all das nach außen vermittelt? Die Pressearbeit der ESA folgt einem klassischen, klar strukturierten Ansatz. Im Fokus stehen Medien, politische Entscheider:innen und die breite Öffentlichkeit. Zentrale Plattform ist ein Online-Pressroom, ergänzt durch verschiedene Social-Media-Kanäle und Informationsangebote. Kommuniziert wird in zwei bis drei Amtssprachen (Englisch, Französisch, teilweise Deutsch), je nach Anlass auch in weiteren lokalen Sprachen.
Inhaltlich ist die Kommunikation strategisch vorgeplant, aber gerade in Darmstadt besonders sichtbar um große Events herum. Dazu zählen Satellitenstarts – emotionale, oft hochspannende Live-Events mit internationaler Medienpräsenz.
Das Glänzen in den Augen ist unvermeidlich, wenn Bernhard von Weyhe von einem der Höhepunkte der Medienarbeit berichtet: Die Rosetta-Mission, als im November 2014 – zehn Jahr nach dem Start – erstmals eine Raumsonde auf einem Kometenkern landete. Rund 350 Journalist:innen waren vor Ort in Darmstadt, umliegende Straßen waren von Übertragungswagen von hr, ZDF, ntv und BBC belegt – und ein leidenschaftliches ESA-Presseteam koordinierte mit der Ortsmarke Darmstadt über 1.000 Interviews allein in der ersten Woche.
Hinzu kommen Pressekonferenzen und Interviews bei großen Events wie dem Weltwirtschaftsforum in Davos, der Münchner Sicherheitskonferenz oder der ILA-Fachmesse in Berlin sowie Media Briefings mit Astronaut:innen. Flankierend gibt es umfangreiche Medienangebote: Media Kits, Hintergrundgespräche im Vorfeld von Launches, Livestreams und vieles mehr. Auch persönlich wird kommuniziert: Der ESA-Generaldirektor ist auf LinkedIn aktiv und positioniert sich regelmäßig als Thought Leader zu aktuellen Themen. Kurz gesagt: Die ESA setzt auf eine Mischung aus bewährter Pressearbeit, gezielten Event-Highlights und moderner digitaler Kommunikation – mit dem Ziel, die oft komplexen Themen der Raumfahrt greifbar und relevant zu machen.
Noch ein paar Hard Facts: Die ESA in Zahlen
Die ESA hat rund 7.800 Mitarbeitende, wird von 23 Mitgliedstaaten getragen und hat ein Jahresbudget von etwa 7,9 Milliarden Euro. Deutschland hat seinen ESA-Beitrag jüngst auf 23 Prozent erhöht – ein klares Signal für die wachsende Bedeutung der Raumfahrt. Denn die Erkenntnis ist längst angekommen: Europa braucht einen unabhängigen, robusten Zugang ins All. Nicht zuletzt, um kritische Infrastrukturen zu sichern – 11 von insgesamt 16 sind heute raumfahrtgestützt, etwa Navigation, Telekommunikation, Wetter & Klima sowie Finanzmärkte.
Fazit: Ein Besuch, der eindrucksvoll gezeigt hat, wie eng unser Alltag mit dem All verbunden ist – und wie viel davon in Darmstadt gesteuert wird. Der Standort ist übrigens gesichert: Bereits seit sechs Jahrzehnten sitzt das ESOC dort – und bis 2029 soll dort auch ein neues Satellitenkontrollzentrum entstehen. Dann kommen wir gerne wieder!
Bildergalerie:
https://www.picdrop.com/openeyeffm/BdKomESA